Die missbrauchte Republik – Aufklärung über die Aufklärer

Frappierende neue Erkenntnisse über die 68er Bewegung

Seit Anfang 2010 sieht sich die bundesdeutsche Gesellschaft mit einer beispiellosen Welle von Enthüllungen über den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen konfrontiert. Aus der häufig veröffentlichten und durch bestimmte gesellschaftliche Kreise gestützten Meinung, der sexuelle Missbrauch von Kindern sei eine Art römisch-katholisches Problem, wurde, wie Umfragen zeigten, schnell öffentliche Meinung. Die polizeiliche Kriminalstatistik zeigt freilich ein völlig anderes Bild: „Den einigen hundert bisher bekannten Übergriffen in katholischen Einrichtungen seit den fünfziger Jahren... stehen ca. 16.000 Übergriffe jährlich in der gesamten Gesellschaft gegenüber.“ So furchtbar jeder einzelne Fall gerade in der Kirche ist, so heuchlerisch war der Aufstand der vermeintlich Anständigen. Sexueller Missbrauch ist in unserem Land ein Thema, dass zwar strafrechtlich klar definiert ist, über das sich jedoch bestimmte Kreise - merkwürdigerweise mitunter dieselben, die nun auf die katholische Kirche einprügeln – in den Jahren nach 1968 und teilweise bis weit in die neunziger Jahren hinein - ein sehr eigenwilliges Bild gemacht hatten, das von massiver Verharmlosung der Pädosexualität bis zu deren offener Befürwortung reicht, wie in dem neuen Buch in eindrucksvoller Weise nachgewiesen wird.

So waren es nicht nur Pädophilenverbände, sondern auch Gremien von Parteien und sogenannter Bürgerrechtsbewegungen wie der Humanistischen Union, der wiederum zahlreiche Politiker aus FDP, SPD und Bündnis90/Die Grünen angehören, die sich nicht entblödeten, für ein angebliches „Recht der Kinder auf Sexualität“ einzutreten. Der Vorstand der Humanistischen Union warnte noch vor wenigen Jahren vor einer Kriminalisierung von Pädophilen, und Pro Familia sowie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung förderten bis vor kurzer Zeit mit Steuermitteln Broschüren, in denen Erzieher und Familienmitglieder im Rahmen sogenannter Sexualerziehung im Grunde offen zu pädophilen Handlungen aufgefordert wurden.

Diese Tatsachen und die fast schon reflexartigen Anklagen antiklerikaler und antikirchlicher Kreise waren die beiden Impulse für das oben genannte Buch. Es gliedert sich in zwei Teile. Der erste Teil besteht aus Aufsätzen in denen das Phänomen der Pädosexualität in allen Facetten beleuchtet wird: Welchen Umfang hat die Pädophilie in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft? Welche Herausforderung speziell für die Kirche bedeuten pädophile Übergriffe? Welchen Zusammenhang gibt es mit dem Zölibat und mit Homosexuellen im Priesteramt? Was ist von der griechischen „Knabenliebe“ zu halten, auf die sich neuzeitliche Verharmloser und Förderer der Pädophilie so gern berufen? Ab wann begann die Infizierung der im frühen 20. Jahrhundert aufgekommen Reformpädagogik mit dem „Virus“ der Pädophilie? Warum haben maßgebliche Vordenker der 68er-Bewegung sexuelle Kontakte von Erwachsenen mit Kindern oft verharmlost und teilweise sogar offensiv befürwortet? Wie kann die Pädophilie am besten zurückgedrängt werden? Was ist vom „Runden Tisch“ der Bundesregierung zu halten, der vor wenigen Wochen seine Tätigkeit aufgenommen hat? Auf alle diese und viele weitere Fragen geben Autoren wie Kurt J. Heinz, Weihbischof Prof. Dr. Andreas Laun, Dr. Gerard van den Aardweg, Andreas Späth, Gabriele Kuby, Christa Meves, Dr. Albert Wunsch und Jürgen Liminski klar und umfassend Antwort.

Interessant ist, wie sehr Organisationen, die sich nun ganz besonders über Sünden in der katholischen Kirche ereifern, es selbst waren, die diese Sünden einst am liebsten zu einer Art Freiheitsrecht erklären wollten.

Dies wird im zweiten Teil des Buches besonders deutlich, einer Dokumentation, die dem Leser immer wieder die Sprache verschlagen kann. Minutiös dokumentieren die Autoren des Buches anhand von Originalzitaten die Aktivitäten der Apologeten sexueller Handlungen von Erwachsenen an Kindern und deren Wirken in Kirche und Gesellschaft. Insbesondere in den Jahren 1968 bis etwa 1998, teilweise aber bis in die jüngste Zeit hinein, gab es einflussreiche gesellschaftliche Kräfte, die pädosexuelle Kontakte straflos stellen wollten oder sogar als für das Kindeswohl nützlich propagierten. Mit Schaudern erfährt der Leser, wie die Pädophilenlobby nicht ohne Erfolg versucht hat, Kinderschutz-Verbände zu unterwandern und für ihr im Wortsinne perverses Anliegen auch noch Steuergelder zu bekommen. Das Buch belegt Querverbindungen dieser Kräfte – etwa zur Jugendarbeit der EKD, zur „feministischen Theologie“, zur Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, zur Zeitschrift „Bravo“ oder zu Homosexuellenverbänden – über die andere Publikationen zum Pädophilie-Skandal heute lieber schweigen.

Dabei werden auch die Hinter- und Abgründe ausgeleuchtet und die schier unglaubliche Dreistigkeit selbsternannter Aufklärer aufgedeckt. Eine kleine Zahl bestens vernetzter Pädo-Aktivisten hat in den verschiedensten Bereichen – von den Universitäten über die Justiz bis zur Gesetzgebung im Ehe- und Familienrecht – unheilvoll gewirkt. Eine Schlüsselfigur ist dabei der im Jahre 2008 verstorbene Professor für Sozialpädagogik Helmut Kentler: Wo immer man sich mit der Apologie sogenannter Kindersexualität beschäftigt hat, sei es bei „Pro Familia“, der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder entsprechend einschlägigen Organisationen stößt man auch seinen Namen. Er war es, der hofiert von der evangelischen Kirche, insbesondere verschiedener Einrichtungen der Jugendarbeit, die Frühsexualisierung von Kindern propagierte und Sexualität zwischen Minderjährigen und Erwachsenen verteidigte, ja sogar stolz verkündete, im Rahmen seiner Gutachtertätigkeit für den Berliner Senat bewirkt zu haben, dass Jugendliche bei wegen Missbrauchs vorbestraften Päderasten untergebracht werden – im vollen Wissen, ja sogar mit der Begründung, dass diese Verkehr mit den ihnen Anvertrauten haben würden (was dann auch tatsächlich der Fall war).

Aber auch der zwischenzeitlich verstorbene Gerald Becker und sein Lebensgefährte Hartmut von Hentig waren in ein evangelisch-landeskirchliches Beziehungsgeflecht eingebunden, das ihrem pädagogischen und sonstigem Treiben gegenüber Politik und breiter Öffentlichkeit den Nimbus der Seriosität, ja des moralisch Hochstehenden verlieh. Heute können auch noch so warme Worte von kirchlichen Vertretern nicht beispielsweise über die schockierende Verstrickung des evangelischen Theologen Gerold Becker in einen der größten systematischen Missbrauchsskandale dieses Jahrhunderts hinwegtäuschen. Zur Wahrheit über die „chronique scandaleuse“ des bundesdeutschen Pädophiliedebatte gehört übrigens, dass es Figuren wir Kentler und Becker, die ganz offen die Pädosexualität bis in den kirchlichen Bereich hinein salonfähig machen wollten, auf katholischer Seite nicht gab. Getäuscht hatten sich aber vielleicht auch Täter vom Schlage Beckers selbst. Womöglich glaubten er und andere im Laufe der Jahre den zum Teil selbst in Umlauf gebrachten Lügen, über angebliche sexuelle Bedürfnisse von Kindern. In diesem Klima fortschreitender kollektiver Gehirnerweichung, in dem weite gesellschaftliche Kreise Sex mit Kindern nicht mehr verwerflich finden wollten, gab es einen Fels in der Brandung, den auch mächtigste Interessenverbindungen wohl abzuschleifen, aber nicht aufzulösen vermochten - das Strafrecht. So wundert es nicht, dass allerlei Parteigänger, von verschiedenen Politikern, bis hin zu (teilweise selbst einschlägig interessierten!) Wissenschaftlern alle von Entkriminalisierung und Strafrechtsreform schwadronierten. Dass es allerdings auch in Paragraphen „gegossenes“ Unrecht gibt, zeigen nicht nur viele Gesetze der NS-Zeit und der DDR, sondern auch der bundesdeutsche § 218. Das Buch belegt, wie zäh und hartnäckig fast 30 Jahre lang in Deutschland versucht wurde, sexuellen Kindesmissbrauch für rechtmäßig zu erklären. Erst Mitte/Ende der 1990er Jahre ist dieser Anschlag auf unsere Rechtsordnung angesichts einer durch schreckliche Verbrechen alarmierten Öffentlichkeit (vorerst) gescheitert.

Abgerundet wird der Band durch philosophische Überlegungen von Prof. Dr. Harald Seubert zu den „emanzipatorischen Quellen des Bösen", aus denen sich der gesellschaftliche Umgang mit der zuvor betrachteten Missbrauchsproblematik speist. An dem neuen Buch, das die konservativ-evangelische Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis in Bayern e.V (KSBB) und die in Hamburg ansässige Staats- und Wirtschaftspolitische Gesellschaft e.V. (SWG) gemeinsam herausgebracht haben, kann nicht nur die bundesdeutsche Pädophiliedebatte nicht vorbeigehen. Auch all denjenigen, die eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der sogenannten 68er Bewegung für notwendig halten, liefert dieses Buch frappierende neue Erkenntnisse und Argumente.

Aus: Zeitschrift „Diakrisis“, Ausgabe Nr. 4/2010