Die missbrauchte Republik – Aufklärung über die Aufklärer

Ein Sachbuch von bleibendem Wert

Dem Leser stockt der Atem – Der Band könnte ein Dauerbrenner werden

Zum Missbrauchs-Thema, das anno 2010 publizistisch und politisch breit thematisiert wurde, haben Andreas Späth und Menno Aden eine kompakte Sammlung von Aufsätzen samt einer soliden Dokumentation herausgegeben. Zehn renommierte Autoren verschiedener Lebensfelder (Journalismus/Publizistik, Psychotherapie, den Kirchen, Soziologie, Erziehungswissenschaften/Pädagogik, Philosophie) nehmen das Thema „sexueller Missbrauch als gesamtgesellschaftliches Phänomen“ in den Blick. In der Aufsatz-Palette kommen - ungeschminkt und ohne falsche, politische Rücksichtnahmen - üble Sachverhalte und politisch-zeitgeschichtliche Zusammenhänge zur Sprache, die seit Jahrzehnten häufig verdrängt wurden. Auch letzteres Phänomen ist mit dokumentiert.

Abgesehen von den nüchternen, sachkundig aufklärenden Aufsatzbeiträgen (55 Seiten) ist der umfangreichere Dokumentationsteil (85 Seiten) zu würdigen. Selbst lebenserfahrenen Lesern stockt neu der Atem, wenn sie anhand dieser Zusammenschau sehen, welche kulturell-ideologischen und politischen Kräfte seit Jahrzehnten am Missbrauch von Kindern und Jugendlichen - sei es „einfühlsam“ oder rücksichtslos - mitgewirkt und ihn interessengeleitet und zielstrebig auf den Weg gebracht haben.

Das Geleitwort des Mitherausgebers Prof. Menno Aden bringt die konstruktiven Zielanliegen des Bandes klar zur Sprache. Die übersichtliche Gliederung des Buches (leider ohne Seitenangaben im Inhaltsverzeichnis), die Kurzvitae der Autoren, das hilfreiche Personen- und Sachregister und nicht zuletzt die Schlussbetrachtung des Philosophen Prof. Dr. Harald Seubert zeigen: hier wurde nicht ein journalistischer Schnellschuss publiziert, sondern ein wertvolles Sachbuch von bleibendem Wert und mit politisch relevanten Grundaussagen.

Der Band ist eine Pflichtlektüre und ein herausfordernd-erschütterndes „Vademecum“ für Verantwortungsträger aller Art, die mit Jugendlichen und Erwachsenen im Erziehungsbereich zu tun haben. Nicht nur Eltern und Lehrer, sondern auch reife Jugendliche (Oberstufen-Alter) dürften von dieser Publikation profitieren. Der Band könnte ein Dauerbrenner werden, wenn sich viele Menschen aufraffen und bereit werden, sich unangenehmen Realitäten zu stellen.

Betroffene, die auf Missbrauchserfahrungen zurückblicken, werden - wenn sie überhaupt die Kraft haben, sich diese Lektüre zuzumuten - beschämt und dankbar reagieren: sie werden mit vertiefender Information bedacht und erkennen in diesem versierten kleinen Handbuch den entschiedenen Willen, dem Treiben auf den Grund zu gehen und ihm ein Ende zu bereiten. Die Szene der Täter und ihrer Sympathisanten wird auf diese sorgfältig recherchierte, kompakte Darstellung wütend reagieren oder aus taktischen Gründen wohl eher schweigen wollen. Ein bloßes Wegsehen und vorsätzliches Verschweigen aber wird fortan dank dieser vielfach erschütternden Publikation nicht mehr so einfach möglich sein.

Es geht nicht nur um Aufarbeitung von gegenwartswirksamer Vergangenheit, sondern auch um Überwindung der kontinuierlichen Zersetzung unserer gesellschaftlichen Basisstrukturen. In der Quintessenz ist dieses Buch eine eindringliche Mahnung und Herausforderung an die Politik, sich nicht mit einer strafrechtlichen Bewältigung des Missbrauchs zufrieden zu geben, sondern die Weichen für eine künftig gesunde Entwicklung der jungen Generation zu stellen.

Von Rolf-Alexander Thieke, Pfarrer und Religionslehrer i.R. 
Berlin, 27.11.2010 (Text hier leicht gekürzt)