Sprache und Herkunft der Germanen

„Eine neuartige, ja bahnbrechende Synthese“

Wolfram Euler und Konrad Badenheuer: Sprache und Herkunft der Germanen. Abriss des Protogermanischen vor der ersten Lautverschiebung. Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Dr. Daniel von Wachter. Hamburg/London: Verlag Inspiration Un Limited, 2009.

Das Buch, das der Münchener Sprachwissenschaftler Wolfram Euler zusammen mit dem Publizisten Konrad Badenheuer vorlegt, setzt sich ein ungewöhnlich umfassendes Ziel: Die Rekonstruktion des Altgermanischen vor der Ersten Lautverschiebung. Dieses früheste Germanisch wurde immerhin etwa 1800 Jahre lang gesprochen.

Zu seiner Rekonstruktion werden – vor dem Hintergrund von Siedlungs- und Kulturgeschichte – umfassend die sprachwissenschaftlichen Indizien versammelt, gewogen und zu einer neuartigen, ja bahnbrechenden Synthese verbunden. Dabei zeigt das Buch, wie Daniel von Wachter in seinem Vorwort zutreffend schreibt, Grundlagenforschung, und dies nicht nur in den Resultaten, sondern auch in der ‚Logik der Forschung‘, die aber auch für den Nicht-Linguisten, der sprachgeschichtlich und historisch interessiert ist, weitgehend zugänglich ist.

Im ersten Teil wird eine scharfsinnig brillante Vorurteilskritik im Vorgriff auf die späteren Ergebnisse entwickelt: Welche Gründe waren es, die Belege übersehen oder in einer bestimmten Weise interpretieren ließen und damit ein Bild der Ursprünge des Germanischen grundlegten, das einer gründlichen Revision betraf? Den kritischen Teil ‚Überholtes und Übersehenes‘ kann man insofern auch als Einübung in sachgemäßes wissenschaftliches Fragen und die Gefahren der Aberration von dessen Maximen und Normen verstehen. Prägnant wird beispielsweise darauf hingewiesen, dass die sogenannte siedlungs- archäologische Methode zunächst, vor allem bei Gustaf Kossinna, in einer nicht-reflektierten, naiven Weise betrieben wurde, dann aber in Folge der NS-Zeit unter Kuratel gestellt wurde. Auch die – an sich wünschenswerte und notwendige – Zusammenarbeit von Archäologen und Linguisten sei dabei korrumpiert und infolgedessen in Deutschland nach 1945 praktisch beendet worden. Das aber sei die falsche Konsequenz aus der richtigen Erkenntnis eines Missbrauchs, wovon beide Disziplinen in Deutschland bis heute große Nachteile hätten, sehr im Unterschied zu der linguistischen bzw. prähistorischen Forschungssituation in England, Russland und den meisten anderen Ländern. An die grundsätzliche Berechtigung dieser interdisziplinären Perspektive sei wieder anzuschließen. Dabei muss man sich auch klarmachen, dass die von Kossinna durchgesetzte, durchaus fragwürdige Theorie, wonach die ‚Urheimat‘ des Altgermanischen in Skandinavien zu finden sei, gegen starke Argumente nach wie vor in Geltung ist, obwohl sein volkskundlicher, ja rasseideologischer Ansatz und viele weitere seiner Positionen mittlerweile zu Recht unter ein Verdikt fielen. Kossinnas Forschungen werden zu Recht auch deshalb scharf kritisiert, weil er von „scharf umgrenzte[n] archäologische[n] Kulturprovinzen“, die sich stets „mit ganz bestimmten Völkern oder Völkerstämmen“ deckten, spricht; im Blick auf dieses Ideologem, so das Autorenduo, sei die Kritik jedoch zu radikal ausgefallen. Sie schlagen statt dieses als „lex Kossinna“ bekannten „Gesetzes“ eine abgemilderte „Regel“ vor: Je stärker archäologisch Fundgrup- pen sich voneinander unterscheiden, umso wahrscheinlicher sei es, dass sie mit sprachlichen und/oder ethnischen Differenzierungen einher gingen. In dieser reduzierten Form, das konzedieren die Autoren selbst, scheine diese Regel fast trivial. Sie sei es aber nicht, wie die deutsche Wissenschaftsgeschichte der vergangenen 65 Jahre belege.

Kern des Buches ist die Schließung einer alten Forschungslücke: Seit dem 19. Jahrhundert ist das um Christi Geburt gesprochene Germanisch anhand seiner Nachfolgesprachen Gotisch, Althochdeutsch, Altenglisch und Urnordisch im großen Teil verstanden und auch rekonstruiert worden. Große Durchbrüche sind hier seit gut 100 Jahren nicht mehr gelungen, da das vorhandene Material kaum mehr durch Inschriften- oder andere Textfunde erweitert werden konnte. Ebenso ist die indogermanische Ursprache, die wohl im ausgehenden 4. Jahrtausend v. Chr. gesprochen wurde, im Kern erforscht – hier war der Wissenszuwachs der letzten rund 120 Jahre indessen größer, weil neue Texte gefunden und das enorm umfangreiche vorhandene Material immer tiefer durchdrungen wurden. Der beeindruckende Beitrag Eulers besteht nun in der Hauptsache darin, die seit langem vernachlässigten Übergänge vom Proto-Indogermanischen zum Urgermanischen umfassend untersucht und die dazwischenliegende Sprachform der Bronze- und frühen Eisenzeit rekonstruiert zu haben. Schon Hans Krahe hatte im Jahr 1960 diese Forschungslücke beklagt, doch sehr wenige griffen seinen Appell seitdem auf, wie etwa der 2002 verstorbene US-Belgier Frans van Coetsem.

An dessen Arbeiten aus den neunziger Jahren (und die Werke weniger anderer) über einzelne Aspekte dieses frühesten Germanisch schließt Eulers Monographie an. Doch was van Coetsem „Germanic Parent Language“ nennt und was bei anderen Autoren Prä- oder Vorgermanisch heißt, nennt Euler „Protogermanisch“. Im englischen Sprachraum mag damit eine Verwechslung mit dem Sprachzustand um Christi Geburt angelegt sein, doch im deutschen Sprachraum droht dieses Missverständnis kaum, weil hier für den Sprachzustand um die Zeitenwende der Begriff „Urgermanisch“ eingeführt ist, den Euler – durchaus konsequent – zur eindeutigen Abgrenzung als „spätestes Urgermanisch“ terminologisch fokussiert. Dass Euler und Badenheuer den Begriff „prägermanisch“ meiden, hat eine einfache Ursache: Sie vertreten mit exakter Begründung die These, dass die Kimbern und Teutonen im späten 2. Jahr- hundert noch ein Idiom sprachen, das die erste Lautverschiebung, aber auch die mit dem Verner‘schen Gesetz beschriebenen Veränderungen sowie die Akzentverlagerung auf die Stammsilbe noch nicht vollzogen hatte; Kimbern und Teutonen aber waren keine „Prägermanen“, sondern frühe Germanen.

Ein erstes erstaunliches Resultat des Buches, das für weitere Forschungen wohl von großer Bedeutung sein wird und das zurecht auch der bekannte Onomastiker Jürgen Udolph besonders würdigt, besteht darin, dass Euler zeigen kann, dass das Keltische nicht den Einfluss auf die Entwicklung des Germanischen genommen hat, der ihm häufig zugeschrieben wird. Erst im späten 1. Jahrtausend v. Chr., also in der La-Tène-Zeit, habe das Keltische größeren Einfluss auf das Germanische ausgeübt, dies allerdings fast nur in Form von Lehnworten und nur ganz punktuell in anderen Bereichen. Gegenüber der „Skandinavien“-Theorie hatte der bekannte Namensforscher Jürgen Udolph unter Einbeziehung der Gewässernamen schon vor Jahren gezeigt, dass sich das Protogermanische mit einiger Wahrscheinlichkeit in einem Gebiet „westlicher der Elbe, südlicher der Aller und nördlich des Erzgebirges“ herausgebildet hat. Damit sind wir auf den Territorien des heutigen Niedersachsens, sowie Sachsen-Anhalts und Thüringens. Eine wichtige Argumentationshilfe sind dann die seit mehr als einem halben Jahrhundert vorliegenden einschlägigen Arbeiten Hans Krahes zur Etymologie von Flussnamen von Skandinavien bis Mittelitalien, vom Baltikum bis Spanien (darunter Saale, Drau Wörnitz, Weser), die eindeutig auf indogermanische Ursprünge verweist.

Bekräftigt wird auch, dass die alte Gliederung des Indogermanischen in Satem-Kentum-Sprachen durch eine Ost-West-Gliederung zu ersetzen sei. Die „Substrat“-Theorie, die Sigmund Feist 1932 entwickelte, ging von einer Einwanderung indogermanischer Stämme aus dem Osten aus, die sich die vor- indogermanische Bevölkerung unterworfen hätten. Diesem Theorem wurde, nicht zuletzt wegen seiner Ökonomie, lange Zeit großer Kredit eingeräumt. Mittlerweile kann sie zu Recht, auch dadurch, dass indogermanische Belege für solche Etymologien gefunden wurden, die Feist nicht aufklären konnte, als widerlegt gelten.

Vor dem Hintergrund dieser mit detektivischer Präzision zutage geförderten Bausteine wird in Eulers Forschungen einsehbar gemacht, dass sich nicht von Skandinavien her, sondern in Mitteleuropa – in einer Spannung zwischen baltischen, slawischen und italischen Sprachen – das früheste Germanische entwickelt haben dürfte. Euler kann überdies eine Spätdatierung der ersten Lautverschiebung plausibel machen, die im Osten und im Zentrum der Germania wohl zwischen dem 4. und dem 1. Jahrhundert stattfand, im Westen dagegen erst um die Zeitenwende zum Abschluss kam. Für diesen Vorgang ist die zweite Hälfte des ersten Jahrtausends v. Chr. als Zeitspanne weitgehend gesichert. Euler gehört aber zu den Forschern, die – jedenfalls für den Westen der Germania – nun für einen Zeitpunkt eher am Ende dieser Periode plädieren. Mehr Diskussionen dürfte es über Eulers Theorie der Frühdatierung des Verner‘schen Gesetzes geben. Seine Argumente sind klar, dennoch wird sich hier vermutlich eine weitere Debatte entzünden, die aber nun auf ein sicheres Fundament gestellt ist.

Wichtig ist dabei aber auch, dass Eulers systematische Rekonstruktion des Altgermanischen davon weitgehend unbeeinflusst bleibt – der von ihm beschriebene Sprachzustand hätte in diesem Falle eben nur bis etwa an die Wende der Hallstattzeit zur La-Tène-Zeit gegolten und nicht bis ins 1. Jahrhundert v. Chr. hinein.

In der Rekonstruktion des Protogermanischen geht der Eulersche Forschungsansatz auch methodisch neue Wege. Gerade auf dem methodischen Feld zeigt sich der grundlegende Innovationscharakter, wie auch der angesehene Eichstätter Altgermanist Alfred Bammesberger anerkennt: Da die ‚aufsteigende‘ Rekonstruktion des Germanischen ausgehend von dem frühesten überlieferten Sprachmaterial auf Schwierigkeiten stößt, weil die Materialgrundlage zu schmal ist, hat Euler, der auf nahezu allen Gebieten der Indogermanistik hervorragend ausgewiesen ist, in einer bestechenden Vergleichsanalyse anderer indogermanischer Sprachen das Altgermanische gleichsam in „absteigender“ Schlussweise herausdestilliert. Dadurch entsteht der Grundriss jener Sprachstufe, aus der die germanischen Einzelsprachen erst hervor- gegangen sind.

Eulers überaus genaue Systematik des Protogermanischen weicht in vielfacher Hinsicht vom konventionellen Bild ab, aber nicht, weil Euler das „klassische“ Urgermanisch nicht akzeptieren würde, sondern weil er mit der davor liegenden Sprachstufe vor der ersten Lautverschiebung völliges Neuland betritt und in eindrucksvoller Weise erschließt. Doch seine Monographie folgt streng der komparatistischen Methode der Indogermanistik und arbeitet beispielsweise nicht mit bis heute nicht allgemein anerkannten methodischen Ansätzen wie etwa der „Lexikostatistik“. Eines von vielen bemerkenswerten Ergebnissen: Die eher späte Datierung der Ausdifferenzierung des Altgermanischen kann sich auf parallele Ergebnisse des Slawisten Georg Holzer zum Protoslawischen beziehen, der in seiner Spätdatierungshypothese zeigt, dass erst die Wanderungsbewegungen des 5. und 6. Jahrhunderts den tiefgreifenden phonologischen Umbruch des spätesten Protoslawischen und die bald darauf folgende Ausgliederung der slawischen Einzelsprachen bewirkt hätten. Das eigentlich bahnbrechende Ergebnis aber liegt in der Rekonstruktion des Sprachzustandes des Germanischen von der Ausgliederung des westlichen Indogermanisch im frühen 2. Jahrtausend vor Christus bis zur Ersten Lautverschiebung, ein Zeitraum von mehr als 1600 Jahren. Es ist eindrucksvoll und der ziemlich singulären Gelehrsamkeit von Euler zuzuschreiben, dass von der wohl erforschten Frühphase der indogermanischen Ausgangssprache zu den dokumentierten Einzelsprachen ein derart überzeugender Bogen geschlagen werden kann.

Hinsichtlich der Ausgliederung des Germanischen aus dem westlichen Indogermanisch stellt Euler fest, dass sich zunächst nur das Formensystem differenziert habe, die Phonologie hingegen erst mit der Wanderungsperiode eine Dynamisierung erfährt. Auch hier kann man auf analoge Resultate im Protoslawischen verweisen. Die gemeinsame alteuropäische Wurzel ist in den jeweiligen Protosprachen, Italisch, Germanisch und Keltisch aller Wahrscheinlichkeit nach noch viel deutlicher ausgeprägt gewesen als ein Jahrtausend später im Spätlateinischen, Gotischen oder Frühirischen.

An Anschaulichkeit und Kraft gewinnt die Arbeit schließlich in den Überlegungen zu Syntax, Metaphorik und Stabreim, und dadurch, dass sie von bekannten Texten oder Sprichwörtern eine protogermanische Version anführt.

Das Werk bietet also für den Leser, auch jenen, der nicht aus dem engeren Fachgebiet kommt, einen faszinierenden Anblick in scharfsinnige neue Forschung. Für Einzeldiskussionen der Ergebnisse ist hier nicht der Ort. Doch eines wird man festhalten müssen: Hinter dem bescheidenen Untertitel verbirgt sich aber eine Archäologie kultureller europäischer Identitätsbildung in und durch Sprache jenseits der alten Konstrukte. Sie zu destruieren, ist das eine, an ihrer Stelle einen konzisen Bau aufzurichten, ist etwas anderes, sehr Seltenes. Dies gibt Eulers und Badenheuers Studie ihr besonderes Gewicht.

Prof. Dr. Harald Seubert

(germanistische Fachzeitschrift „Wirkendes Wort“ Ausgabe Nr. 3/2010, S. 511-514)