Sprache und Herkunft der Germanen

„Über die Herkunft der Deutschen - Ein sprachwissenschaftlich-historisches Buch schließt kollektive Wissenslücken von erstaunlicher Größe“

Ein schmales Bändchen, das, so der Anschein, unter dem gewichtigen Titel schier erdrückt wird: Das ist der erste äußere Eindruck des Buches „Sprache und Herkunft der Germanen“, das der Linguist Wolfram Euler zusammen mit dem Journalisten Konrad Badenheuer verfasst hat. Doch es kommt anders als gedacht.

Ein zweigeteiltes Werk erwartet die Leser. Zunächst ein kompakter Abriss des enorm großen Themenfeldes, dann eine bis in feine Einzelheiten ausgearbeitete Studie zur Genese des Germanischen – letztere ganz überwiegend aus der Feder von Euler, erstere aus der von Badenheuer. Sehr lesbar und informativ ist dabei der erste Teil. Wer sich für die Kulturgeschichte Europas interessiert, ist von der ersten Seite an dabei und lernt aus flüssig und kompetent geschrieben Ausführungen. Geschickt werden Schulwissen und wissenschaftliche Kenntnisse gleichermaßen aufgenommen und auf einen verständlichen Nenner gebracht.

Enorm aufschlussreich im Speziellen ist der zweite Teil – aber Philologen sind hier klar im Vorteil. In höchst anspruchsvoller Untersuchung rekonstruiert Euler die (prä-)germanische Sprache, wie sie im Laufe des 2. und 1. Jahrtausends vor Christus gesprochen wurde – soweit das überlieferte Sprachmaterial diese Rekonstruktion eben zulässt.

Euler schließt damit eine alte Forschungslücke und liefert zugleich neue Argumente dafür, dass das Germanische sich nicht zuerst in Skandinavien herausgebildet hat, sondern in Mitteleuropa. Letzteres war übrigens, wie im ersten Teil des Buches herausgearbeitet wird, schon einmal Stand der Forschung und wurde dann ab etwa 1890 (mit eher dürftigen Argumenten) im Sinne der skandinavischen Herkunft der Germanen „korrigiert“. Die Stimmigkeit ihrer Argumentation in diesem Punkt bestätigt dem Autorenduo der bekannte Namensforscher Professor Jürgen Udolph, der seit längerem mit anderen Argumenten zum selben Schluss kommt. Was Eulers Rekonstruktion des frühesten Germanisch der Bronze- und Eisenzeit angeht, so bestätigt ihm der Eichstätter Kollege Prof. Alfred Bammesberger „profunde Kenntnis des linguistischen Materials und der wissenschaftlichen Fachliteratur“. Die Abstraktion ist in diesem Teil allerdings vielfach so, dass der Rezensent nur noch staunend das präsentierte Ergebnis – darunter kurze Texte in frühgermanischer Sprache - zur Kenntnis nehmen, aber kein eigenes Urteil über deren Richtigkeit mehr aussprechen kann.

Die Korrekturen, die die Autoren an unserem kollektiven Weltbild über unsere Vorfahren anbringen, sind erheblich. Erstaunlich, wie groß unsere kollektiven Wissenslücken bislang waren! Die Germanen seien mit frühen Skandinaviern gleichzusetzen, seien echte Nordmänner gewesen, so lernten wir es in der Schule. Doch davon stimmt nur wenig. Vielmehr lagen die ältesten, bronzezeitlichen Wurzeln der vorgermanischen Stammesverbände, deren direkte Nachkommen wir vornehmlich durch die Brille der römischen Überlieferung kennen, mitten im heutigen Deutschland. Schon wegen dieser einen Korrektur – und das Buch bietet mehrere davon - schließt diese Arbeit eine große Lücke.

Das Buch ist mit etwa 40 Abbildungen großzügig illustriert, allerdings wurden zum Teil Karten verwandt, deren Aussagekraft in der Bildunterschrift gleich wieder relativiert wird. Sinnvollerweise hätte man einer veralteten Karte eine Darstellung mit dem neuen Forschungsstand beigeben können. Doch davon abgesehen ist die Bebilderung von hoher Qualität und Aussagekraft.

Der Inhalt des Werkes ist, das sei zusammenfassend gesagt, wahrlich gewichtig, der erwähnte Altgermanist Bammesberger spricht anerkennend von „grundlegender Bedeutung für die weitere Beschäftigung mit dem Germanischen“. Die Aufmachung steht dazu in gewissem Gegensatz. Der Inhalt, eines fest gebundenen Buches ohne Abstrich würdig, wirkt durch die broschürenhafte Form unnötig verletzlich. Ungeachtet dessen ist der Preis von 29,90 Euro für „Sprache und Herkunft der Germanen“ angesichts des Erkenntnisgewinns durchaus angemessen.

Sebastian Sigler

(Preußische Allgemeine Zeitung vom 10. April 2010)