Die missbrauchte Republik – Aufklärung über die Aufklärer

...und schuld sind immer die anderen! 

Ein Buch von erzkonservativen Autoren, denen es nur ums Rechthaben geht

Wenn man ein Buch über das heikle Thema Kindesmissbrauch schreibt, muss ein vorurteilsfreies Herangehen oberstes Gebot sein. Genau dies scheint im vorliegenden Buch allerdings nicht der Fall zu sein. Dazu muss man wissen, dass z.B. der Herausgeber Menno Aden keineswegs ideologisch unverdächtig ist. Aden ist bekannt für seine erzkonservativen Haltungen und Veröffentlichungen u.a. in der Wochenzeitschrift „Junge Freiheit“. Wenn darüber hinaus Autorinnen wie Gabriele Kuby auftreten, ist Objektivität nicht zu erwarten. Kuby tritt in der Öffentlichkeit als fundamentalistische Verfechterin des kirchlichen Lehramtes auf. Allen gemeinsam ist, dass sie die sog. „68er“-Generation als entscheidende Ursache für Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche, aber v.a. in der westlichen Gesellschaft im Allgemeinen ausmachen. (…) Dass es DIE „68er“ gar nicht gibt, sondern nur eine äußerst heterogene Mischung von Menschen verschiedenster Herkunft und Gesinnung - vom RAF-Sympathisanten bis zum sozialdemokratischen Lehrerehepaar - wird gar nicht analysiert. Dass die geistigen und sozialen Bewegungen des Jahres 1968 nicht wie die biblischen Plagen über uns kamen, sondern eine langen Tradition besitzen, von der Frauenbewegung (19. Jh.) bis zur Friedens- und Bürgerrechtsbewegung, wird weitgehend verschwiegen bzw. im Lichte von Verschwörungstheorien besprochen.

Der Begriff „68er“ wird damit zum Kampfbegriff, der sich hervorragend eignet, im Trüben zu fischen. Dabei werden Zitate aus dem Zusammenhang gerissen. Bestes Beispiel ist die Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die angeblich planmäßig die Sexualisierung von Kindern vorantreibt. Die Broschüre wurde inzwischen - nachdem Kuby eine völlig einseitige Zitatensammlung ohne Kontext veröffentlicht hatte - zurückgezogen. Nun ist es natürlich legitim, vor einer Überbetonung des Sexuellen zu warnen. Von einem seriösen Buch hätte ich jedoch erwartet, dass auch das andere Extrem thematisiert wird. Denn seit Siegmund Freud wissen wir, dass eine Überbetonung der Triebe ebenso schädlich für eine gesunde seelische Entwicklung ist, wie die Triebunterdrückung. (…) Es hätte entschieden zur Glaubwürdigkeit des Buches beigetragen, wenn auch die zölibatäre Lebensweise von Priestern und die römische Sexualmoral kritisch hinterfragt worden wären. So aber bleibt der Verdacht, dass Feindbilder kultiviert werden. (…)

Die in den Raum gestellte Behauptung, der Staat würde die planmäßige Sexualisierung seiner Jugendlichen betreiben, lässt sich durch einen Blick in die Lehrpläne leicht widerlegen. Wer allerdings einen toleranten und liberalen Umgang mit Sexualität bereits als Anleitung zum Kindesmissbrauch interpretiert, der scheint als Autor und Herausgeber dem Thema nicht gewachsen zu sein.

Fazit: Bei diesem Buch scheinen andere Interessen im Vordergrund zu stehen als Aufklärung. Vielmehr wird durch monokausale Engführung und schlichte Falschdarstellung ein verzerrtes, geschlossenes Weltbild entworfen, bei dem es am Ende nur ums Rechthaben geht: Schuld sind immer die anderen. Das ist beschämend gegenüber den Opfern.

Von P. Scheid (Saarbrücken), 18. April 2011 (Text etwas gekürzt)