Die missbrauchte Republik – Aufklärung über die Aufklärer

An diesem Buch wird die bundesdeutsche Pädophiliedebatte kaum vorbeigehen können

Seit Frühjahr 2010 sieht sich die bundesdeutsche Gesellschaft mit einer beispiellosen Welle von Enthüllungen über den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen konfrontiert. Aus der häufig veröffentlichten und durch bestimmte gesellschaftliche Kreise gestützten Meinung, der sexuelle Missbrauch von Kindern sei eine Art römisch-katholisches Problem, wurde, wie Umfragen zeigten, schnell öffentliche Meinung. Die nackten Fakten polizeilicher Kriminalstatistik zeigten freilich ein völlig anderes Bild: „Den einigen hundert bisher bekannten Übergriffen in katholischen Einrichtungen seit den fünfziger Jahren... stehen ca. 16.000 Übergriffe jährlich in der gesamten Gesellschaft gegenüber.“ Diese Feststellung ist nur eine von vielen wichtigen Korrekturen, die das neue Buch „Die missbrauchte Republik – Aufklärung über die Aufklärer“ in der aktuellen Missbrauchsdebatte anbringt. Während in dieser Zeitschrift sonst meist Veröffentlichungen von dritter Seite besprochen werden, ist in diesem Falle die Staats- und Wirtschaftspolitische Gesellschaft selbst Herausgeberin – zusammen mit der evangelisch-konservativen „Kirchlichen Sammlung um Bibel und Bekenntnis in Bayern e.V.“ und ihrem Vorsitzenden Andreas Späth.

In dem neuen Buch geht es, wie Prof. Menno Aden in der Einleitung des Buches darstellt, nicht nur um Kindesmissbrauch. Es geht um die von der 68er-Bewegung proklamierte sogenannte „sexuelle Revolution“ und damit um deren Gesellschaftspolitik insgesamt, die seit jeher im Fokus der kritischen Aufmerksamkeit der SWG steht.

So furchtbar jeder einzelne Fall gerade in der Kirche ist, so heuchlerisch war der Aufstand der vermeintlich Anständigen. Sexueller Missbrauch ist in unserem Land ein Thema, das zwar strafrechtlich klar definiert ist, über das sich jedoch bestimmte Kreise - merkwürdigerweise mitunter dieselben, die nun auf die katholische Kirche einprügeln -– in den Jahren nach 1968 und teilweise bis weit in die neunziger Jahren hinein - ein sehr eigenwilliges Bild gemacht hatten, das von massiver Verharmlosung der Pädosexualität bis zu deren offener Befürwortung reicht und dieses propagierten, wie in dem neuen Buch in eindrucksvoller Weise nachgewiesen wird.

So waren es nicht nur Pädophilenverbände, sondern auch Gremien von Parteien und sogenannter Bürgerrechtsbewegungen wie der Humanistischen Union, der wiederum zahlreiche Politiker aus FDP, SPD und Bündnis90/Die Grünen angehören, die sich nicht entblödeten, für ein angebliches „Recht der Kinder auf Sexualität“ einzutreten. Der Vorstand der Humanistischen Union warnte noch vor wenigen Jahren vor einer Kriminalisierung und Dämonisierung von Pädophilen, und „Pro Familia“, sowie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung förderten bis vor kurzer Zeit mit Steuermitteln Broschüren, in denen Erzieher und Familienmitglieder im Rahmen sogenannter Sexualerziehung im Grunde offen zu pädophilen Handlungen aufgefordert wurden.

Diese Tatsachen und die fast schon reflexartigen Anklagen antiklerikaler und antikirchlicher Kreise waren die beiden Impulse für die Aufnahme zu den Arbeiten am oben genannten Buch. Es gliedert sich grob in zwei Teile, wobei der erste Teil Der erste Teil besteht aus Aufsätzen von Kurt J. Heinz, Weihbischof Prof. Dr. Andreas Laun, Dr. Gerard van den Aardweg, Andreas Späth, Gabriele Kuby, Christa Meves, Dr. Albert Wunsch und Jürgen Liminski, in denen das Phänomen der Pädosexualität in allen Facetten beleuchtet wird: Welchen Umfang hat die Pädophilie in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft? Welchen Zusammenhang gibt es mit dem Zölibat und mit Homosexuellen im Priesteramt? Was ist von der griechischen „Knabenliebe“ zu halten, auf die sich neuzeitliche Verharmloser und Förderer der Pädophilie so gern berufen? Ab wann begann die Infizierung der im frühen 20. Jahrhundert aufgekommen Reformpädagogik mit dem „Virus“ der Pädophilie? Warum haben maßgebliche Vordenker der 68er-Bewegung sexuelle Kontakte von Erwachsenen mit Kindern oft verharmlost und teilweise sogar offensiv befürwortet? Wie kann die Pädophilie am besten zurückgedrängt werden? Was ist vom „Runden Tisch“ der Bundesregierung zu halten, der vor wenigen Wochen seine Tätigkeit aufgenommen hat? Auf alle diese und viele weitere Fragen geben Autoren wie Kurt J. Heinz, Weihbischof Prof. Dr. Andreas Laun, Dr. Gerard van den Aardweg, Andreas Späth, Gabriele Kuby, Christa Meves, Dr. Albert Wunsch und Jürgen Liminski klar und umfassend Antwort.

Interessant ist, wie sehr Organisationen, die sich nun ganz besonders über Sünden im Bereich der Kirche ereifern, es selbst waren, die diese Sünden einst am liebsten zu einer Art Freiheitsrecht erklären wollten.

Dies wird im zweiten Teil des Buches besonders deutlich, einer Dokumentation, die dem Leser immer wieder die Sprache verschlagen kann. Minutiös dokumentieren die Autoren des Buches anhand von Originalzitaten in erschütternder Deutlichkeit die Aktivitäten der Apologeten sexueller Handlungen von Erwachsenen an Kindern und deren Wirken in Kirche und Gesellschaft. Insbesondere in den Jahren 1968 bis etwa 1998, teilweise aber bis in die jüngste Zeit hinein, gab es einflussreiche gesellschaftliche Kräfte, die pädosexuelle Kontakte straflos stellen wollten oder sogar als für das Kindeswohl nützlich propagierten. Mit Schaudern erfährt der Leser, wie die Pädophilenlobby nicht ohne Erfolg versucht hat, Kinderschutz-Verbände zu unterwandern und für ihr im Wortsinne perverses Anliegen auch noch Steuergelder zu bekommen. Das Buch belegt Querverbindungen dieser Kräfte – etwa zur Jugendarbeit der EKD, zur „feministischen Theologie“, zur Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, zur Zeitschrift „Bravo“ oder zu Homosexuellenverbänden – über die andere Publikationen zum Pädophilie-Skandal heute lieber schweigen.

Abgerundet wird der Band durch philosophische Überlegungen von Prof. Dr. Harald Seubert zu den „emanzipatorischen Quellen des Bösen“, aus denen sich der gesellschaftliche Umgang mit der vorher betrachteten Missbrauchsproblematik speist. Nicht uninteressant ist dabei, wie sehr Organisationen, die sich nun in höchstem Maße über Sünden in der katholischen Kirche ereifern, es selbst waren, die diese Sünden einst am liebsten zu einer Art Freiheitsrecht erklären wollten. Fachaufsätze und Dokumentation zeigen durch Einblicke auch in szenerelevante Kreise, wo die eigentlichen Probleme liegen - sowohl qualitativ, als auch quantitativ. Das die Problematik - zumindest des Missbrauchs an Jungen - wohl eher brisanter wird, zeigt ein erschütternder Aufsatz des niederländischen Therapeuten Gerard van den Aardweg, dem wir tiefe Einblicke in die Zusammenhänge von Pädophilie und Homosexualität verdanken. Die Autoren sind dem heißen Eisen nicht ausgewichen, sondern haben zupackend die Situation unserer Gesellschaft aus verschiedensten Blickwinkeln analysiert. Dabei werden auch die Hinter- und Abgründe ausgeleuchtet und die schier unglaubliche Dreistigkeit selbsternannter Aufklärer aufgedeckt.

Eine kleine Zahl bestens vernetzter Pädo-Aktivisten hat in den verschiedensten Bereichen – von den Universitäten über die Justiz bis zur Gesetzgebung im Ehe- und Familienrecht – unheilvoll gewirkt. Eine Schlüsselfigur ist dabei der im Jahr 2008 verstorbene Professor für Sozialpädagogik Helmut Kentler: Besonders bedauerlich ist in diesem Zusammenhang, dass wo immer man sich mit der Apologie sogenannter Kindersexualität beschäftigt hat, sei es bei „Pro Familia“, der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder entsprechend einschlägigen Organisationen stößt man auch seinen auf den Namen des Sozialpädagogen Helmut Kentler stößt. Er war es, der hofiert von der evangelischen Kirche, insbesondere verschiedener Einrichtungen der Jugendarbeit, die Frühsexualisierung von Kindern propagierte und Sexualität zwischen Minderjährigen und Erwachsenen verteidigte, ja sogar stolz verkündete, im Rahmen seiner Gutachtertätigkeit für den Berliner Senat bewirkt zu haben, dass Jugendliche bei wegen Missbrauchs vorbestraften Päderasten untergebracht werden – im vollen Wissen, ja sogar mit der Begründung und wohl wissend, dass diese Verkehr mit den ihnen Anvertrauten haben würden (was dann offenbar auch tatsächlich der Fall war).

Aber auch der zwischenzeitlich ebenfalls verstorbene Gerald Becker und sein Lebensgefährte Hartmut von Hentig waren in ein evangelisch-landeskirchliches Beziehungsgeflecht eingebunden, dass ihrem pädagogischen und sonstigem Treiben gegenüber Politik und breiter Öffentlichkeit den Nimbus der Seriosität, ja des moralisch Hochstehenden verlieh. Heute können auch noch so warme Worte von kirchlichen Vertretern nicht beispielsweise über die kaum aussprechbaren schockierende Verstrickungen des evangelischen Theologen Gerold Becker in den vermutlich größten systematischen Missbrauchsskandal der bundesdeutschen Geschichte hinwegtäuschen. Zur Wahrheit über die „chronique scandaleuse“ des bundesdeutschen Pädophiliedebatte gehört übrigens, dass es Figuren wir Kentler und Becker, die ganz off en die Pädosexualität bis in den kirchlichen Bereich hinein salonfähig machen wollten, auf katholischer Seite nicht gab.

Getäuscht hatten sich aber vielleicht auch Täter vom Schlage Beckers selbst. Womöglich glaubten er und andere im Laufe der Jahre den zum Teil selbst in Umlauf gebrachten Lügen, über angebliche sexuelle Bedürfnisse von Kindern. In diesem Klima fortschreitender kollektiver Gehirnerweichung, in dem weite gesellschaftliche Kreise Sex mit Kindern nicht mehr verwerflich finden wollten, gab es einen Fels in der Brandung, den auch mächtigste Interessenverbindungen wohl abzuschleifen, aber nicht aufzulösen vermochten: Das Strafrecht. So wundert es nicht, dass einschlägig engagierte Persönlichkeiten, darunter auch Politiker und (oft selbst einschlägig interessierten!) Wissenschaftlern so viel von der (teilweisen oder sogar vollständigen) Entkriminalisierung der Pädophilie schwadronierten. Dass es allerdings auch in Paragraphen „gegossenes“ Unrecht gibt, zeigen nicht nur viele Gesetze der NS-Zeit und der DDR, sondern auch der bundesdeutsche § 218, so als ob sich durch das Verdrehen von Worten aus Unrecht Recht machen ließe...Das neue Buch belegt, wie zäh und hartnäckig fast 30 Jahre lang in Deutschland versucht wurde, sexuellen Kindesmissbrauch für rechtmäßig zu erklären. Erst Mitte/Ende der 1990er Jahre ist dieser Anschlag auf unsere Rechtsordnung angesichts einer durch schreckliche Verbrechen alarmierten Öffentlichkeit (vorerst) gescheitert.

Abgerundet wird der Band durch philosophische Überlegungen von Prof. Dr. Harald Seubert zu den „emanzipatorischen Quellen des Bösen“, aus denen sich der gesellschaftliche Umgang mit der zuvor betrachteten Missbrauchsproblematik speist. An dem neuen Buch wird die bundesdeutsche Pädophiliedebatte kaum vorbeigehen können. Auch all denjenigen, die eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der sogenannten 68er Bewegung für notwendig halten, liefert dieses Buch frappierende neue Erkenntnisse und Argumente.

Aus: „Deutschland-Journal“, Ausgabe Dezember 2010, S. 94-96