Sprache und Herkunft der Germanen

„Fleißarbeit mit sensationellen Ergebnissen“

Spätestens seit dem Auftauchen der Himmelsscheibe von Nebra ist klar: Unsere Vorfahren in der Bronzezeit waren nicht so rückständig wie es uns römische Geschichtsschreiber aus späteren Zeiten weismachen wollten. Sie verfügten über ein umfangreiches astronomisches, landwirtschaftliches und handwerkliches Wissen und standen mit ganz Europa einschließlich dem Mittelmeerraum in wirtschaftlichem Kontakt und geistigem Austausch.

Wolfram Euler und Konrad Badenheuer tragen einen großen Teil dazu bei, diese alten Zeiten aus sprachwissenschaftlicher Sicht lebendig werden zu lassen. Unter Hinzuziehung älterer Sprachstufen von dem Germanischen nahe stehenden indogermanischen Sprachen wie Latein, Keltisch, Baltisch und Slawisch rekonstruieren die Autoren die Kontakte dieser Völker untereinander in vorschriftlicher Zeit. Alle diese Sprachen haben ihre Spuren im Germanischen hinterlassen, und am Entwicklungsstadium der Lehnworte ist zu erkennen, wann dies jeweils in etwa geschehen ist.

Dabei wird mit mehreren liebgewonnenen alten Theorien aufgeräumt, und das durchaus mit plausiblen sprachwissenschaftlichen Begründungen. An erster Stelle steht dabei die lange vermutete Herkunft der Germanen aus Skandinavien. Wie schon der Sprachwissenschaftler Jürgen Udolph postuliert, hat sich das Germanische bzw. Protogermanische aus dem Indogermanischen nicht in Nordeuropa, sondern in Mitteldeutschland entwickelt. Interessant ist auch die eingehende Beschreibung wissenschaftsgeschichtlicher Komplikationen, die in der Vergangenheit offenbar immer wieder zu falschen Schlüssen geführt haben.

Im engeren sprachwissenschaftlichen Teil, der für Nicht-Fachleute eher schwer Verdauliches bereithält, wird der Versuch unternommen, das Protogermanische, das in der späten Bronzezeit (um 1000 v. Chr.) und danach gesprochen wurde, zu rekonstruieren. Inwieweit das wirklich gelungen ist, könnte man wohl nur mit Hilfe einer Zeitmaschine verifizieren.

Obwohl dieser Test leider undurchführbar ist, fasziniert doch die enge Verwandtschaft der rekonstruierten protogermanischen Sprache mit archaischeren indogermanischen Sprachen wie z.B. Latein oder auch Russisch, beides Sprachen, die noch eine voll ausgebildete Nominalflexion aufweisen. Wenn uns auch der Bronzezeitler nicht als Gesprächspartner zur Verfügung steht, so kann man doch erahnen, dass sich der Protogermane mit dem Proto-Lateiner und dem Proto-Slawen noch einigermaßen verstanden hätte. Mit anderen Worten: es wird deutlich, dass sich die Vorläufer heute so weit auseinander liegender Sprachen wie Russisch, Deutsch und z.B. Spanisch vor 3000 Jahre noch einigermaßen nah waren.

Insgesamt ein hochinteressantes Werk, das viele offene Fragen zu unserer vorschriftlichen Geschichte mit Hilfe sauberer und ausgefeilter Methodik plausibel beantwortet.

Dr. Steffen Stölzer

(Amazon, 8. Januar 2011, leicht gekürzt)