Sprache und Herkunft der Germanen

„Eine fast komplette Grammatik des Prägermanischen“

Ein anregendes Buch - Die Diskussion angestoßen und erheblich vorangebracht

Die sprachliche Frühgeschichte, das Arbeitsgebiet der Paläolinguistik, ist ein sehr schwieriges Terrain, auf dem man sich nur mit äußerster Vorsicht bewegen kann. Ihr Grundproblem besteht darin, dass sie einen Zeitraum untersucht, für den es keine unmittelbaren sprachlichen Zeugnisse gibt. Es lässt sich also nur mit Rekonstruktionen und Hypothesen operieren, was natürlich viel Raum für ungezügelte Phantasie eröffnet. Das zeigen bereits die sich häufig widersprechenden Thesen zu den verschiedenen Urheimaten der Urvölker. Dazu gehört auch die Frage nach der „Urheimat“ der Germanen, die von den einen in Südskandinavien und von anderen in Norddeutschland angesetzt wird. Eine solide Einführung in den augenblicklichen Stand der Diskussion zu diesem Problem vermittelt die vorliegende gemeinsame Arbeit des Indogermanisten Wolfram Euler und des Wissenschaftsjournalisten Konrad Badenheuer. Dieses nicht alltägliche Gespann behandelt ein komplexes Kapitel der Paläolinguistik, und wählt dafür eine Form, die sich nicht nur an Vertreter vom Fach, sondern auch an interessierte Laien richtet. Vorwiegend für letztere sind die zahlreichen farbigen Abbildungen und Karten im Text bestimmt, welche die Lektüre auflockern.

Die Arbeit besteht aus zwei Teilen, das erste Kapitel Das Wissen über die Germanen und ihre Sprache (S. 12 - 57), aus der Feder von Konrad Badenheuer, behandelt die Frage nach der Herkunft bzw., verkürzt ausgedrückt, der „Urheimat“ der Germanen. Dieser in der Vergangenheit häufig missbrauchte Terminus wird allerdings hier wohlweislich vermieden. Der Rückblick zeigt das Schwanken zwischen Norddeutschland und Skandinavien bei der Suche nach den letzten Wohnsitzen der Germanen bzw. ihrer Vorfahren, der Proto- oder Prägermanen, vor ihren Wanderungen. Überraschend ist in diesem Zusammenhang, mit welcher Leichtigkeit einige Forscher den Standpunkt wechseln, was Fragen nach ihrer Glaubwürdigkeit aufkommen lässt.

Eine gewisse Bestätigung erhält die norddeutsche These in jüngster Zeit vor allem durch die umfangreichen Untersuchungen zur alteuropäischen Hydronymie von Jürgen Udolph. Übrigens spricht bereits der Blick auf die Karte für diese These. Denn geht man von der indogermanischen Urheimat im mittelasiatischen Raum zwischen Kurgangebiet, Schwarzem Meer und Kaukasus aus, und setzt einen Zug der Vorfahren der heutigen europäischen Völker nach Westen an, so dürften die Protogermanen ohne Umweg zunächst direkt nach Norddeutschland gelangt sein. Skandinavien liegt von dieser Route abseits und außerdem waren die Böden dort weniger ertragreich als im Süden. Deshalb erscheint die These von der norddeutschen Heimat, die früher schon einmal verfochten wurde, doch plausibler als die skandinavische. Letztere wurde übrigens aus ideologischen und politischen Gründen von Wilhelm II. und Hitler favorisiert (S. 46 - 47).

Der zweite, mehrere Kapitel umfassende linguistische Teil hat zwei Aufgaben: die Rekonstruktion der prägermanischen Grammatik, der unmittelbaren Vorstufe des Urgermanischen sowie die Datierung der ersten oder germanischen Lautverschiebung und die Präzisierung ihres zeitlichen Verhältnisses zum Vernerschen Gesetz und zur Akzentfestlegung (S. 14). Als Prä- oder Protogermanisch wird das Idiom vor dem Urgermanischen bezeichnet. Es entstand, als sich nach der etwa im 4. Jahrhundert erfolgten gemeinsamen Abwanderung der Präbalten, Präitaler, Präkelten und Prägermanen aus der indogermanischen Urheimat dieser Verband um die Mitte des 3. Jahrhunderts aufspaltete. Prägermanisch wurde dann bis zu Beginn der ersten Lautverschiebung - 500 bis 100 vor Chr. - gesprochen. Allerdings ist dieser Zeitraum immer noch so lang, dass man in Zukunft wahrscheinlich weitere Unterteilungen vornehmen muss. Vereinfacht lässt sich sagen, dass das Prägermanische alle sprachlichen Veränderungen nach der Aufteilung der Westgruppe bis zum Beginn des Urgermanischen (erste Lautverschiebung) umfasst. Der Mangel an unmittelbaren Sprachzeugnissen für das Prägermanische kann nur durch in detektivischer Kleinarbeit zusammengetragene Indizien teilweise behoben werden. Im vorliegenden Fall stammt ein Teil der Indizien aus der Archäologie, was natürlich nicht unproblematisch ist, da bekanntlich Steine nicht reden. Hinzu kommen aber auch sprachliche Argumente, die in Verbindung mit denen aus der Archäologie die Argumentation unterstützen. Es sind in erster Linie die Flussnamen, die einer sehr alten Schicht angehören und somit Aufschluss über die älteren sprachlichen Verhältnisse geben können.

Trotz dieser objektiven Schwierigkeiten legt Euler eine fast komplette Grammatik des Prägermanischen von der Lautebene über die Morphologie bis zur Syntax vor. Gewissermaßen als Bonbon gibt es schließlich noch - in der Tradition von Schleichers indogermanischer Fabel - einige rekonstruierte Textproben des Prägermanischen (S. 211 - 220). Leider ist die eingeklebte Errata-Liste um zahlreiche Druckfehler zu ergänzen: Militärkommendeur (S. 21), angenommon (S. 35), Anthropoligischen (S. 45), größter (S.52), altererbeten (S. 54) usw.

Der Leser hat ein anregendes Buch vor sich, das in einer auch Laien ansprechenden Form geschrieben ist. Ob alle hier in sehr überzeugender Weise vorgetragenen Thesen und Argumente Anklang finden werden, muß die weitere Diskussion zeigen, die von beiden Autoren nicht nur erneut angestoßen, sondern auch ein erhebliches Stück vorangebracht wurde.

Prof. Dr. Klaus Steinke

(Besprechung in "Informationsmittel (IFB)", dem digitalen Rezensionsorgan für Bibliotheken und Wissenschaft, Dezember 2010.)

Quellennachweis:
ifb.bsz-bw.de/bsz314312765rez-1.pdf